Die Tourismus-Dorf AG kommt.

// 13. April 2015

Die neue WIR-KulturMag. Dr. Hartl (bloggender Geschäftsführer der ÖHT) hat mich am Wochenende mit seinem Beitrag auf dem tp-blog auf eine Idee gebracht. Er schreibt dort am 7. April über den Tourismus und die digitale Welt, Preistransparenz, Reiseblogs, die Tatsache, dass durch “digitale Helferlein” eh bald alles vermessen wird, aber auch über alternative Finanzierungsformen, wie dem “Crowdfunding”. Und dann ist da noch das Zukunftsinstitut, das in der lesenswerten Trend-Studie “Die neue WIR-Kultur“, den Aufbruch ins Zeitalter der Kollaboration sauber aufbereitet und auch graphisch schön abliefert.

Ich möchte aus diesem Innovations-Plastilin einen frischen Handlungsansatz für die Tourismuswirtschaft (v.a. in alpinen Dörfern) formen. Ich habe hier ja auch schon über den Verfall der “Verbandsstrukturen” oder die Frage “Wer braucht denn noch Intermediäre wie eben klassische Tourismusverbände es sind oder wie lange noch?” gebloggt und einige Thesen aufgestellt (zum Nachlesen: http://www.illustro.at/servus-srecno-ciao-abschied-auf-raten-01-stefan-heinisch-tourismus.htm).

Christian Hiss Regionalwert AGEs gibt ein sehr schönes Beispiel aus der Landwirtschaft, das schon fast 9 Jahre zurückreicht. In der Nähe von Freiburg hat Christian Hiß, den der Niedergang der regionalen Landwirtschaft, die Monokultur der Konzerne und das “Höfesterben” scheinbar ordentlich gekratzt hat, im September 2006 die Regionalwert AG (RWAG) gegründet. Diese RWAG, die nicht an der Börse notiert ist, kauft oder pachtet Bauernhöfe, Wiesen und Äcker, um sie zu bewirtschaften. Weil es in erster Linie nicht um Rendite in Form von Ausschüttungen geht, sondern um einen immateriellen Ertrag der Kapitalanlage, nämlich die Gestaltung der Region (das Gemeinwohl), nennt sich die RWAG auch Bürgeraktiengesellschaft. Der Gärtnermeister Hiß hat als Grundkapital seinen Kuhstall, den Gemüseacker und die Käserei eingebracht. Zum Weiterlesen empfehle ich den für mich immer noch brand-aktuellen brandeins-Artikel der Ausgabe 02/2010 (siehe: http://www.brandeins.de/archiv/2010/marke/rendite-die-alle-reich-macht)

Zurück zum Tourismus und der konkreten Idee der “Tourismus-Dorf-AG”:

  • Beherberungsbetriebe (aber auch Produzenten, Gastronomie bzw. eigentlich die gesamte touristische Dienstleistungs- & Versorgungskette) bringen ihre Substanz als Anteil in eine Bürgeraktiengesellschaft ein (AG mit vinkulierten Namensaktien, keine Spekulation möglich, Eigentum bleibt in der Familie). Das kann schon der 1. Rettungsanker für jene Betriebe sein, die kurz vor dem “Aus” stehen oder keine Nachfolger haben, da die Jungen weg sind aus dem Dorf. Dieser Prozess wäre auch für Zweitwohnungsbesitzer mit ihren Wohnungen denkbar und reizvoll, die man so näher ans Dorf bzw. die Destination binden könnte (nicht nur zwischen Weihnachten und Neujahr). Überdies ist diese Stakeholder-Gruppe meistens auch finanzkräftig, was kein Nachteil für den Standort sein muss.
  • Sonstige Personen oder Unternehmen (ggf. Neuansiedlung von Firmen, die sich mit dem Leitbild der AG identifizieren) können sich durch Kapitaleinlage nicht nur Stimmrechte erwerben sondern erhalten in weiterer Folge auch “Lebensqualität” anstatt oder als Teil der “Kapitalrendite” zurück. Das könnte v.a. eine Versorgung im Alter sein (das Modell einer Seniorenresidenz), aber auch der Konsum von Bildungsangeboten, Gesundheits- & Therapieanwendungen. Durch diese Kapitaleinlagen kann wiederum in die regionale Wirtschaft, in neue Produkte/Angebote oder zur Förderung der jungen Generation investiert werden.
  • Die AG hält das Markenrecht für die Destination, das über Lizenzvergabe (Produktlabeling, Merchandising/Verkauf) auch kommerziellen Nutzen bzw. Ertrag für die Gesellschaft erwirtschaften kann.
  • Die AG beauftragt eine “Betreibergesellschaft” (dessen Geschäftsführer wäre dann sowas wie der Tourismusdirektor 3.0), die das Marketing und den Vertrieb, als auch die Angebots(weiter-)entwicklung der gesamten Leistungskette übernimmt. Keine Zimmervermittlung mehr, kein Warten oder Rückfragen, ob “man einbuchen darf”, sondern striktes unternehmerisches Agieren. Ein Teil des Ertrages aus Nächtigungen, Konsumation und sonstigen Einnahmen aus Dienstleistungen oder Veranstaltungserlösen wird an die Aktionäre (=Bürger/Vermieter) ausgeschüttet, der verbleibende Anteil wird wieder investiert. Entweder in touristische Betriebe, Landwirtschaft, Bioläden, Kunstprojekte oder in die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Das wär doch was.

Die CrowdBedenkt man, dass herkömmliche Strukturen wie (Tourismus-)Verbände, Intermediäre, aber auch Gemeinden nicht mehr die Kraft & Gestaltungskompetenz früherer Tage haben, legt dann über diese zum Teil sicher schmerzvolle IST-Landkarte der Gegenwart noch die Idee von “Crowfunding” und/oder “Crowd-Innovation”, dann entsteht nicht nur “Co-Creating” sondern eine wirklich anregende Alternative zum herkömmlichen Destinationsmanagement.

Aber, sind die maßgeblichen Akteure überhaupt so schnell bereit für die neue Netzwerkökonomie oder regiert doch (noch) gesunder (branchenüblicher) Ertragsegoismus?

Was tun, wenn es mit den alten Strukturen nicht mehr weiter geht? Am Beispiel “Hotel” wagte die Bad Kleinkirchheimer Tourismus Marketing GmbH den Versuch und Dank des Innovationsgeistes der Familie Scheriau (Eigentümer und Betreiber des Hotel St. Oswald) durfte sich die Künstlerkooperative AO& im Frühjahr letzten Jahres 30 Tage lang mit dieser Frage beschäftigen. Sie nannten es übrigens “Hotel Konkurrenz”. Für mich ein Paradebeispiel für “Social Innovation”.




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2 Kommentare zu “Die Tourismus-Dorf AG kommt.”

  1. Emanuela sagt:

    Stefan ! Du schreibst einfach ganz tolle Artikel

  2. Stefan sagt:

    Danke dir, Emanuela ;-)

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