Rebellion im psychosozialen Mindset

// 26. Dezember 2010

Kärnten LandeswappenWir schreiben das Jahr 2023. Die Destinationsmarke Kärnten ist kantig und hat ordentlich Profil. In den letzten 12 Jahren wurde sie von einem zuerst trägen, dann aber höchst motivierten Team an Kärntner Tourismusdenkern rund um Christian Kresse (ehem. GF der Kärnten Werbung Marketing & Innovationsmanagement GmbH) grundlegend und kritisch hinterfragt, weiterentwickelt und schlußendlich auf ein zukunftsfähiges Fundament gehievt. Kresse ist weg; führt mittlerweile ein Öko-Lifestyle Lodgeresort im kanadischen Alberta. Die Grünen stellen seit 2019 den Tourismuslandesrat und machen ihre Sache gut. Unerträgliche Hitze und mangelnde Wasserqualität bringen den Alpenregionen jährlich mehr Urlauberzustrom und eine Art Sommerfrische 2.0. Der Adria-Badeurlaub ist passé. Eine satirische Urlaubsgesschichte.

Oktober 2023. Ossiacher Tauern, Entrée des 1. NARAVA Ökö-Lifestyleresorts auf österreichischem Boden. Kevin, 37, bekennender Nature-Avantgardist trägt das Haar kurz und sportlich. Während er mit Hans-Peter, 23, dem Vorsitzenden der Mittelkärntner Bauern-Zukunftswerkstatt, eine emotionale, aber sachliche Diskussion über die Notwendigkeit einer nachhaltig-orientierten Holzwirtschaft für die Weiterentwicklung des Lebensstandards im alpinen Raum führt, greift er immer wieder zu seinem Glas “Green Bull” und zieht genüsslich am Strohhalm.

Derweil die beiden Weltverbesserer den intelektuellen Level der Hotellobby in ungeahnte Höhen treiben, geht es für Jenny (42) und Jamiro (35) nach einer anregenden Urlaubswoche wieder zurück nach Zürich. “Check-Out nach 7 Tagen Alpe-Adria-Kulturbiking. Geniale Green-Adventure. Wir kommen wieder :-)”, twittert die 42-jährige Architektin noch schnell auf ihrem iPhone10 am Weg zum Parkplatz. Sie und ihr um sieben Jahre jüngerer Lebensabschnittspartner aus Mailand, sehen Kärnten nun mit anderen Augen. Das kleine Land am Südbalkon der österreichischen Alpen, von der Natur mit Seen und abwechslungsreicher Berglandschaft reich beschenkt, kam als Urlaubsdestination für die beiden Neo-Nature-Hedonisten bis vor kurzem nicht in Frage. Bolivien, Island und Kamtchatka erweiterten zuletzt die kulturellen Eindrücke der anspruchsvollen Vielreisenden. Nun aber Kärnten. Warum?

Ossiacher Tauern mit KircheDie beiden Outdoor-Aficionados erkundeten per Mountain-E-Bike den Alpe Adria Kulturraum. Manchmal in Tagesausflügen, ein mal aber auch über Nacht. Und zwar im slowenischen Soca-Tal, im Rahmen einer Freiluft-Theateraufführung über die Geschehnisse des 1. Weltkriegs, einer tief dunklen Epoche, die diesen besonderen Lebensraum mit Blut tränkte. Aber das gehört auch dazu – zum etwas anderen Urlaubserlebnis. Hinterfragend, aufwühlend, eine tiefe Ausseinandersetzung mit Kultur & Natur. Natürlich mit hohem Servicegrad, aber eben auch sehr spontan. Wenig wird vorab organisiert, der Reiseverlauf ensteht im Spiel der freien Kräfte innerhalb der Gruppe.

Emanuel, 52, ist Bike-Guide aus Leidenschaft. Aber irgendwie auch so etwas wie ein Urlaubs- & Lebenscoach. Er nimmt sich Zeit für die Gruppe, die aus sechs Personen besteht und sich schon vor Urlaubsantritt via Community auf Tripadvisor zusammengefunden und kennengelernt hat. Das ist gut für die Dynamik, da man einander aufgrund des “sozialen Graphen” schon kennt. Emanuel ist gebürtiger Kärntner, aus Bistrica pri Pliberku, dem slowenischen Teil des Landes. Er hat Kärnten 2009 verärgert und frustriert den Rücken gekehrt, ist nun aber stolzes Mitglied der “CCC” (Carinthian Culture & Holiday Coaches GmbH), die als mobile, gut ausgebildete (und gut bezahlte) Einsatztruppe u.a. für das NARAVA-Hotel am Ossiacher Tauern tätig ist. Diese besonderen Gästebetreuer, die selbst auch Shareholder der GmbH sind, fungieren als stolze Botschafter ihres Landes; vielseitig ausgebildet und überregional präsent. Jeder ein Typ für sich, mit Ecken und Kanten, wie es die Marke Kärnten vorlebt.

Aprés SkiKevin und Hans-Peter sitzen immer noch in den gemütlichen Loungemöbel des Clubhotels und feilen weiter an der Holzbewirtschaftungsdiskussion. Plötzlich stört ein dröhnendes, gleichmäßiges Hämmern das Gespräch der beiden Herren. Auch andere Gäste blicken nun in Richtung Herkunftsort des unerwünschten Lärms. Schlussendlich findet sich eine kleine, besorgte Gruppe vor dem schönen Naturhotel ein, die gerade vom Waldfarbenmalkurs zurückgekehrt ist und sich schon auf das Bauernbuffet mit Süßwasser-Sushi von der Reinanke freut.  Die Schallwellen, die ungehindert auf den harmonisch gezeichneten, am Bergrücken des Ossiacher Tauern liegenden Hotelkubus einwirken, kommen von der Gerlitze. Bekannter Skiberg am Ossiacher See, der gebeutelt von  immer wärmeren Wintersaisonen sowie stetig rückläufigem Interesse am klassischen Pistenskilauf, startend mit der heurigen Saison sein Marketing-Glück als “Winter-Ballermann” der Südalpen versucht. Der Partyberg, der seit 2021 von der österreichischen “Mountain-Adventure-Management-Holding” betrieben wird, stellt sich mit diesem Entwicklungsschritt ganz klar als Konfliktpotential zur mittlerweile erfolgreich relaunchten Marke Kärnten auf, die schon seit Jahren im Milieu der “Performer” sowie im “Liberal-intelektuellen” Milieu fischt.

Ca. 50 Personen – Angestellte, Gäste & Anrainer – befinden sich bereits im Landschaftsgarten des Resorts, der einen prächtigen Blick über den schon herbstlich-nebeligen Ossiacher See auf die Gerlitze freigibt. Heute ist Skiopening. 26. Oktober 2023. Durch moderne, nahezu temperaturunabhängige Beschneiungstechnik stehen den knapp 1.000 Partygästen non-stop über 24-Stunden etwas mehr als 20 Pistenkilometer zur Verfügung. Die Jungen strömen in Scharen auf den Berg, VIPs werden per Hubschrauber auf den knapp 2.000 Meter hohen Gipfel geflogen – alle angelockt durch den enormen Werbedruck des Hauptsponsors des Skiopenings, der Online Dating Community LOVE.MOUNTAINS. Kevin, Hans-Peter, Jenny, Jamiro und Emanuel sind starr vor Entsetzen. Ihnen gefriert das Blut in den Adern, denn sie werden soeben Zeuge der Rebellion im psychosozialen Mindset.

(Anmerkung des Autors: Dies ist eine fiktive Urlaubsgeschichte, die als Milieu-Satrie verstanden werden darf. Allfällige Nennungen von Personen und/oder Firmen sind rein zufällig)



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2 Kommentare zu “Rebellion im psychosozialen Mindset”

  1. Habe di Ehre – selten so einen gelungenen Blick in die Zukunft touristischer Szenarien gelesen wie hier – wie realitätsnah die handelnden Persönlichkeiten doch auch sind … :-). Auch wenn es vielleicht doch ein wenig satirisch von dir gezeichnet wurde – so weit weg von der Zukunftsvision simma gar nimma …

  2. Danke Martin. Die Satire an sich ist ja die Nähe zur Realität… :-)

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