Es ist ein heißer, aber wenig spektakulärer Sommernachmittag. Dieser aber doch so epochale 28. Juli 1986. Ich bin 11 Jahre alt. Meine Mutter ist immer noch etwas in Sorge, da mein Naturdrang (also “draußen zu hause zu sein”) mein üppiges Freizeitleben bestimmt. Es ist das Jahr der radioaktiven Wolke von Tschernobyl, die jetzt schon 3 Monate hinter uns liegt, aber ihre besorgniseregenden Spuren in den Wäldern und auf den Wiesen des oberösterreichischen Alpenvorlands nachhaltig hinterlassen hat. Abseits dieser elterlichen Sorgen biegt der 19-jährige, hungrig-stöhnende Thomas Muster einen gewissen Herrn Hlasek in drei Sätzen und markiert in der nordholländischen Stadt Hilversum seinen ersten ATP-Titel. 43 sollten in den kommenden 11 Jahren noch folgen. Ein heroisches Legendenpflaster aus dem Stoff, aus dem meine Tennisträume sind. Wahrhaftig glückliches Österreich. Das könnte wohl auch ein Maier-Eberharter-Raich-Klon aus dem Genlabor nicht toppen. Gut so.
Ich möchte hier und jetzt einfach nur DANKE sagen. Nicht einmal, sondern gleich 4.000 Mal. Ja, denn so oft hab ich wohl selbst (gefühltermaßen) den gelben Filz mit der Vorhand im spektakulären Rückhandgriff auf staubig-heißer Asche, gut 2 Meter hinter der Grundlinie stehend, über das Netz, also die Demarkationslinie meines frühpubertären Wahrnehmumgskosmos gedroschen. Manchmal mit wirklich gutem Topspinn. Aber nicht immer.
Danke Thomas Muster für eine unbeschreiblich schöne, sportlich-ambitionierte Jugend, die ich nur aufgrund deiner häufigen Präsenz im ORF-Sport, nicht wie so viele meiner balzenden Testosteron-Freunde wochenends im Freibad, sondern zuweilen auch bei Mittagstemperaturen um die 35° C am Tennisplatz verbringen durfte. Ein im für heranwachsende Männer doch so wichtigen Spektrum der frühsexuellen, zwischenmenschlichen Beziehungsanbahnung kaum mehr aufzuholender Rückstand, aber trotzdem schön. Nahe am Sonnenstich, aber doch immer hoch motiviert.
Und jetzt ist es soweit. Am 25. Oktober 2011 wird Tom, the Machine zum (wahrscheinlich) letzten Mal den Centercourt eines ATP-Turniers betreten. In der Wiener Stadthalle mit der Wildcard in der Hand, die ihm zusteht. Für seinen globalen Sport-Walk-of-Fame, mit der er ein großes Kapitel Geschichte ins Tennislexikon gebrannt hat. Ich könnte jetzt ausführlich über den Karriereknick am 1. April 1989 bloggen, den ihm ein betrunkener Autofahrer nach dem gewonnenen Semifinale in Key Biscayne (Florida) gegen Yannick Noah zugefügt hat. Viel beeindruckender jedoch – neben den 12 Einzel-Titeln im Jahr 1995 inklusive der French Open (ein Rekord, den er sich nur mit Herrn Federer teilen muss. Hallo, wo ist Boris Becker?) ist für mich sein Halbfinaleinzug in Paris 1990. Damals musste er sich, im Alter von 23 Jahren, nur dem späteren Triumphator aus Ecuador, Andrés Gómez Santos, geschlagen geben, der übrigens im Finale dann auch Agassi sein besseres ecuadorianisches Spiel aufzwingt und den Titel holt. Was hab ich bei diesem Halbfinale gelitten. Unpackbar! Ich war 15 Jahre alt, die Hochblüte meiner sogar regional unbedeutenden Tenniskarriere. Aber: Meine Vorhand aus dem Rückhandeck ist Mitte der 90er (wie bei Muster auch) mein Markenzeichen. Für die Dorfschönheiten des Prä-H&M-Zeitalters zwar komplett bedeutungslos, hab ich trotzdem meine große Freude daran. Warum? In einem Zustand absoluter, ja gar aussichtsloser Defensive, klopft man eine Cross-Vorhand risikoreichst ins gegenüber liegende Feindgebiet, dass es nur so staubt (Anm.: deshalb ist ein Sandplatz so genial). Mit einem tödlichen Winkel, der den Gegner (damals mein Freund E., später dann auch der Mann meiner Cousine, Ch.) verzweifeln lässt. Schach-Matt in stolzbrüstiger Alphatier-Manier. In diesen, zugegeben sehr seltenen Momenten, spürte ich den vielgepriesenen Flow-Zustand, den Mihaly Csikszentmihalyi in seinen Studien so treffend beschreibt. Ein derartiger Akt demonstrativer Macht sitzt und wirkt. Und das ist das schöne an diesem eigentlich so strategischen Spiel. Dein Gegner leidet physisch wie psychisch. Hurra.
Tom’s zweite Karriere wurde medial zuweil stark bis heftig belächelt, mußte er doch auf Challenger-Niveau im Staub seiner vormals galaktischen Karriere als “40+ler” neu beginnen. “Ja, warum tut er sich denn das an”, der Tom. Egal, er darf das. Denn dieser Mann ist eine Legende. Jetzt bitte festhalten! Er ist die alpenländische Blaupause für alle Filzkugel-Klitschkos á la Rafael Nadal, einem sehr athletischen, siegesgeilen Spielertyp, den es ohne den Einfluss eines Thomas Muster, Sergi Bruguera und Albert Costa wohl gar nicht gäbe. Das behaupte ich jetzt mal. Bitte um Gegenargumente, sofern vorhanden.
Ich selbst hab Muster nur einmal live gesehen und zwar (bedauernswerterweise für mich) in der melancholischen Abendstimmung seiner “ersten” Karriere. Am 16. Mai 1999 in der ersten Runde von St. Pölten (ich damals Student im 2. Semester an der FH IMC-Krems, also nur einen Katzensprung entfernt) mit einem klaren, nach Ablöse schreiendem 3:6, 4:6 gegen einen bis zur Schädeldecke mit Selbstvertrauen vollgepumten Stefan Koubek, der 2 Wochen vor diesem niederösterreichischen Schaukampf fernab in Atlanta, USA seinen ersten ATP-Titel holte. Kurz, schmerzvoll, ironisch. Generationenwechsel. Aber: Muster wird gefeiert! Sportlich zuweilen klar unterlegen, genießt er die volle Anerkennung der Ränge. Könnte ich tauschen, ich würde die Uhr (aus damaliger Sicht) um 4 Jahre zurückdrehen. Mai 1995, am besten das Viertelfinale in Roland Garros gegen Albert Costa. Auch so ein 5-Satz-Ding für die Ewigkeit. Yevgeny Kafelnikov und Chang waren dann nachfolgend eh nur so etwas wie die “Panna cotta” für den über alle Maßen siegeshungrigen Steirer. Galaktisch!
Aber ich leistete im Juni 1995 mein Sommerpraktikum in Griechenland (Zakynthos), wo es immerhin Eurosport-UK zu empfangen gab. Den österreichischen KURIER vom 12. Juni 1995 um 8 Schilling, den ich heute noch hüte, wie die Geburtsurkunden meiner Kinder, ist hier ersichtlich (Bild oben). Eine Legitimation für diesen Blogpost und Wahrheitsbeweis für ein Fragment meiner Jugend. Danke Tom, genieß deine Pension, bleib du selbst und überrasch mich (oder uns alle da draußen) bitte mindestens noch einmal. Vielleicht sogar am 25. Oktober in Wien.
Eine weitere Genugtuung. Tom knickt (neben Stich im Davis-Cup) auch Boris Becker. Und das nicht nur im Finale von Monte Carlo 1995 (siehe: http://youtu.be/hzXd0mPp7Vg) sondern auch noch im Pensionisten-Zeitalter. Und zwar 2008 mit 6:3, 6:1 bei den Senior Classics in Braunschweig. Oh, wie war das schön.
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